© Writhers House
Interview mit Neil Gaiman
Sie beschreiben „Anansi Boys“ als „Horror-Thriller-Geister-Romantik-Comedy-Familien-Epos“? Was ist es denn jetzt eigentlich wirklich?
Na ja, es ist schon wirklich all das zusammen. Aber es ist auch ein Nachdenken über Familien und über die Natur von Geschichten.
Und ich hoffe, dass es ein lustiges, süßes Buch ist, das für einen auch nach dem Lesen noch wichtig bleibt.
Erzählen Sie uns kurz, was passiert …
Fat Charlie Nancy (der viele Jahre gar nicht dick war) ist mit einer netten jungen Dame verlobt, die Rosie heißt. Er arbeitet für einen Showbusiness-Agenten namens Grahame Coats. Sein Vater stirbt und sein Leben ändert sich, als man ihm sagt, dass sein Vater in Wirklichkeit der Spinnengott Anansi war. Und dass er einen Bruder hat. Er begeht den Fehler, mit seinem Bruder Kontakt aufzunehmen, denn der nimmt ihm seinen Job, sein Leben und seine Verlobte weg und als er versucht, seinen Bruder zu vertreiben, stürzt er sich und ihn nur noch tiefer ins Unglück.
Irgendjemand hat mal gesagt, dass „Anansi Boys“ eine Mischung all Ihrer früheren Romanen sei, dass Sie aus allen das Beste herausgepickt hätten …
Nun, es steckt sicher von allen meinen früheren Romanen was drin: Ich wollte was Lustiges schreiben, wie „Ein gutes Omen“, und was Rasantes, wie „Niemalsland“, und was Cleveres, wie „American God“. Aber es ist auch ein komplett eigenständiges Werk – es hat seinen ganz eigenen Tonfall und seine eigene Abfolge und das habe ich durchgehalten.
Was ist Ihre Lieblingsszene in „Anansi Boys“?
Die Beerdigungsszene hat mir großen Spaß gemacht, und die Katerszene von Fat Charlie und Spiders erster Tag im Büro ... Im Grunde hat mir fast das ganze Buch hindurch das Schreiben Spaß gemacht. Es war richtig lustig.
Schildern Sie, wie Sie schreiben, den Prozess.
Das ändert sich von Buch zu Buch. Bei dem hier bin ich immer so gegen eins in ein Café gegangen und war dann zum Abendessen wieder daheim. Ich habe dort nur gesessen und geschrieben. Und manchmal ein wenig gelauscht.
In diesem Buch scheint es hauptsächlich darum zu gehen, was „normal“ ist und was nicht. Wie definieren Sie Toleranz?
Ich glaube, dass bei näherem Hinsehen keiner von uns normal ist. Wir alle sind Götter und Monster und Clowns und Königinnen und Stars. Mir missfällt das Wort Toleranz – irgendwie schwingt da was davon mit, dass die „Normalos“, wenn jemand Komisches daherkommt, sich entspannt zurücklehnen, an ihrem heißen Tee schlürfen und sich leicht herablassend als was Besseres fühlen. Mir wäre es lieber, wenn man sich dafür begeistern könnte, dass es nichts „Normales“ gibt, dass man sich darüber freut, es genießt.
Im Fall von „Anansi Boys“ hat es mir einfach gefallen, ein Buch aus der Perspektive von zwei Personen zu schreiben, die eben nicht nur einfach weiß und Engländer sind, und das dann aber mit keiner Silbe zu erwähnen.
Sie schreiben seit Jahrzehnten. Was löste damals aus, dass Sie mit dem Schreiben anfingen?
Die total verrückte Überzeugung, dass Schreiben genau das ist, warum ich auf diese Welt gekommen bin.
Und heute? Was gefällt Ihnen heute am besten am Schreiben?
Der magische Augenblick, in dem du was Gutes geschrieben hast, das es vor dreißig Sekunden noch nicht gegeben hat – noch nicht mal in deiner Vorstellung.
Sie haben öfter erwähnt, dass Ihr Roman in der Tradition von Schriftstellern wie Evelyn Waugh steht. Wie meinen Sie das?
In England gibt es eine starke Tradition britischer Humoristen und Sozialsatiriker, die ernste Dinge auf lustige Art ausdrückten, die sozusagen die bittere Pille in Zucker packten. Ich habe keine Ahnung, ob „Anansi Boys“ in diese Gesellschaft gehört – jedenfalls spielt es in ein paar sehr sonderbaren und fantastischen Orten – immerhin.
Ihre Liste mit Preisen, die Sie gewonnen haben, ist schier unendlich: drei Hugos, zwei Nebulas, einen World Fantasy Award, vier Bram Stoker Awards, sechs Locus Awards, zwei British Science Fiction Awards, einen British Fantasy Award, drei Geffens, einen International Horror Guild Award, einen Mythopoeic Award und noch ein paar mehr. Welcher bedeutet Ihnen am meisten? Warum?
Inzwischen sind es schon zwei Mythopoeic Awards – „Anansi Boys“ hat gerade den anderen bekommen. Für mich sind die zwei wichtigsten der World Fantasy Award – für die 19. Episode von „Der Sandmann“, das war das erste Mal, dass ein Comic einen Literaturpreis gewonnen hat – und der Hugo für „American Gods“, von dem ich nicht mal gewagt hätte zu träumen und der mich so unsagbar glücklich gemacht hat.
Im März 2007 bereisen Sie Deutschland, um „Anansi Boys“ vorzustellen. Waren Sie schon mal hier?
Ich war zuletzt in Deutschland wegen „American Gods“ und hielt die Lesungen mit dem sehr unterhaltsamen Martin Semmelrogge (seine Frau und sein Hund waren auch dabei). Ich kaufte in Göttingen, vor einer Lesung, ein wunderschönes leeres Notizbuch, in das ich „Anansi Boys“ geschrieben habe. Es gab also keinen einzigen Tag, an dem ich nicht an Göttingen gedacht habe – und zwar dankbar. Ob's den Schreibwarenladen wohl noch gibt? Ob die wohl noch leere Notizbücher verkaufen?
Abonnieren Sie unseren Newsletter mit aktuellen Buchtipps, Leseproben und Gewinnspielen.
www.neilgaiman.de informiert über den Autor von Anansi Boys, American Gods, Coraline und weiteren Romanen.
© Verlagsgruppe Random House GmbH | Kontakt - Letzte Änderung: 16.08.10
Layout & Programmierung: Bewegte Werbung

