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Neil Gaiman im Interview mit Gabi Beusker und
Thilo Eckardt (Heyne) am 28. September 2003
Mr. Gaiman, in den USA sind Sie ein Superstar. Für Ihre Comics, Jugendbücher, Bilderbücher und Romane für Erwachsene haben Sie alle relevanten Preise abgeräumt - bei Ihren Signierstunden füllen Sie ganze Säle. Was ist das Geheimnis Ihres Erfolges?
Ich wünschte, ich würde das Geheimnis kennen. Dann müsste ich nicht den ganzen anderen Kram machen und könnte mich auf dieses Geheimnis konzentrieren. Ich schreibe einfach offenbar Stories, die die Leute mögen. Und ich habe Respekt vor meinen Lesern und nehme sie ernst. Das ist sehr wichtig.
Jetzt kommen Sie nach Europa um Ihren Roman American Gods vorzustellen. Was wird Sie dort erwarten?
Ich nehme an, dass meine Leser in Deutschland und Europa so sind, wie überall sonst: intelligent und freundlich. Außerdem hatte ich schon viel Kontakt zu meinen deutschen Lesern, weil erstaunlich viele zu meinen Lesungen und Veranstaltungen in England, Belgien und Italien kommen.
In American Gods geht es um den Kampf der alten, aus der Mode gekommenen, europäischen Götter gegen die Götter der amerikanischen Moderne. Üben Sie damit auch Kritik am Werteverfall in der amerikanischen Gesellschaft? Ist es Zufall, dass Ihr Buch in eine Zeit fällt, in der grundlegende Differenzen zwischen dem »alten Europa« und der Neuen Welt auftreten?
Es ist zumindest der Versuch, über Dinge zu reden, die man besser in Bilder und Metaphern fasst. Und auf die Art zum Beispiel deutlich zu machen, wie jung die amerikanische Gesellschaft ist und wie sehr sie sich mit sich selbst beschäftigt. In dem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, dass für Amerika andere Standpunkte einfach nicht zählen. American Gods stellt meine Sichtweise dar, was die Leser daraus machen, ist ihre Sache.
Wie haben amerikanische Leser auf kritische Passagen reagiert? Zum Beispiel heißt es in American Gods: »… amerikanische Geschichte … ist eine Erfindung. In Wahrheit waren die amerikanischen Kolonien nicht nur eine Zuflucht sondern ebenso sehr ein Schrottabladeplatz.« Fehlt den Amerikanern vielleicht ein Gespür dafür, wo sie herkommen?
An dieser Stelle wollten die meisten wohl nur, dass es mit der Story vorangeht. Aber es wäre schön, wenn der ein oder andere etwas dabei lernen könnte. Ja, ich glaube, dass den Amerikanern ein Gefühl für ihre Vergangenheit fehlt.
Gegen Ende des Romans trifft der Held Shadow den bisonköpfigen Mann, der ihm sagt, er sei kein Gott sondern das »Land«. Und Odin erklärt Shadow, dass Amerika zwar »eine gute Gegend für Menschen« sei, aber eben »eine schlechte für Götter«. Läuft am Ende alles darauf hinaus? Wenn man nicht mehr an Götter glaubt, kann man immer noch an das »Land« glauben. Land nicht im Sinne von Nation gemeint?
Vielleicht. Aber ich glaube, mir gefiel dabei einfach die Idee, dass es unter der amerikanischen Oberfläche noch etwas anderes geben könnte.
Wie die Götter in Ihrem Roman kommen Sie eigentlich aus der »alten Welt« und leben nun schon lange in den USA. An welches Amerika glauben Sie? Ist es möglich sowohl die alten als auch die neuen Götter gleichzeitig anzubeten? Odin und das Fernsehen?
Die Frage stellt sich überall auf der Welt, nicht nur in Amerika.
Die neuen Götter erobern nicht nur Amerika, sondern auch den Rest der Welt. Die alten Götter sind scheinbar auch in Europa vom Aussterben bedroht. Hätte American Gods auch in Europa spielen können?
Eigentlich nicht. In Europa ist die Vergangenheit überall gegenwärtig und es gibt einen viel ausgeprägteren Sinn für Traditionen. Ich hätte vielleicht trotzdem ein Buch über alte und neue Götter in Europa schreiben können, aber ohne diese in die Zukunft gerichtete Dringlichkeit.
Sie bezeichnen sich selbst als Geschichtenerzähler. Normalerweise erzählen Sie fiktive Geschichten. Nur einmal haben Sie über jemanden geschrieben, nämlich Douglas Adams. Wie kam es dazu?
Man hat mich gefragt. Ich sollte einen Companion zum »Anhalter« schreiben. Da ich als Journalist Douglas Adams mehrfach interviewt habe und sein Werk sehr bewundere, lag das nahe. Douglas war ein echter Gentleman.
Der Comic »Sandmann« war der Grundstein für Ihren Erfolg. Aber in letzter Zeit haben Sie sich zunehmend Romane für Kinder und Erwachsene geschrieben. Für welches Genre werden Sie sich in Zukunft entscheiden?
Solange mir die Leser vertrauen und einfach meine Geschichten - egal in welcher Form - mögen, werde ich mich nicht festlegen und mich einfach weiter treiben lassen.
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