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Leseprobe aus Neil Gaiman: Anansi Boys
Fat Charlie hatte Durst.
Fat Charlie hatte Durst und sein Kopf brummte.
Fat Charlie hatte Durst und sein Kopf brummte, und er hatte einen fiesen Geschmack im Mund, und seine Augen saßen irgendwie zu fest im Kopf, und er hatte ein Stechen in allen Zähnen und außerdem Sodbrennen, und sein Rücken tat weh, aber so, dass es irgendwo um die Knie herum anfing und sich bis zur Stirn zog, und sein Gehirn war entfernt und durch Wattebäusche sowie Nadeln und Reißzwecken ersetzt worden, aus welchem Grunde es auch so schmerzhaft war, wenn er versuchte nachzudenken, und seine Augen saßen nicht nur zu fest im Kopf, sondern sie mussten in der Nacht herausgerollt und dann mit Dachdeckernägeln wieder befestigt worden sein; und jetzt stellte er fest, dass alles, was lauter war als die sanfte brownsche Bewegung von aneinander vorbeischwebenden Luftmolekülen, oberhalb seiner Schmerzschwelle lag. Außerdem hatte er den Wunsch, tot zu sein.
Fat Charlie öffnete die Augen, was insofern ein Fehler war, als es ihn mit dem Tageslicht konfrontierte, und das tat weh. Es verriet ihm außerdem, wo er war (in seinem eigenen Bett, in seinem Schlafzimmer), und da es die Uhr auf dem Nachttisch war, auf die sein Blick fiel, erfuhr er außerdem, dass es 11:30 Uhr war.
Das, dachte er langsam, ein Wort nach dem anderen, war praktisch das Schlimmste, was passieren konnte: Er hatte einen Kater, wie ihn der Gott des Alten Testaments auf die Midianiter hätte niederfahren lassen mögen, und bei seiner nächsten Begegnung mit Grahame Coats würde er ohne jeden Zweifel die Mitteilung erhalten, dass er gefeuert war.
Er fragte sich, ob er am Telefon glaubwürdig krank klingen könnte, dann fiel ihm ein, dass die Herausforderung eher darin läge, glaubwürdig nach irgendwas anderem zu klingen.
Er konnte sich nicht erinnern, wie er letzte Nacht nach Hause gekommen war.
Er würde im Büro anrufen, sobald er sich auf die Telefonnummer besinnen konnte. Er würde sich entschuldigen – schwere Vierundzwanzigstundengrippe, die ihn niedergeworfen hatte, da war nichts zu machen …
„Weißt du“, sagte jemand im Bett neben ihm, „ich glaube, da steht eine Flasche Wasser auf deiner Seite. Kannst du die mal rüberreichen?“ Fat Charlie wollte erklären, dass es kein Wasser auf seiner Seite des Bettes gebe und tatsächlich sogar nicht die geringsten Wasservorkommen zwischen hier und dem Waschbecken im Badezimmer, und dort auch nur, wenn er zuerst den Zahnputzbecher desinfizieren würde, aber dann bemerkte er, dass er mehrere auf dem Nachttisch stehende Wasserflaschen im Blickfeld hatte. Er streckte die Hand aus und schloss die Finger, die freilich seinem Gefühl nach einer anderen Person anzugehören schienen, um eine der Flaschen und rollte sich dann, mit einer Kraftanstrengung, die man normalerweise nur aufbietet, wenn man sich den letzten halben Meter einer steilen Felswand hochhievt, auf die andere Seite.
Es war Fräulein Wodka Orange.
Außerdem war sie nackt. Jedenfalls an den Stellen, die er sehen konnte.
Sie nahm das Wasser entgegen und zog die Decke hoch, um ihre Brust zu bedecken. „Danke. Ich soll dir sagen“, sagte sie, „wenn du aufwachst, dass du dir keinen Stress machen sollst, von wegen im Büro anrufen und sagen, dass du krank bist. Ich soll dir sagen, dass er sich darum schon gekümmert hat.“
Fat Charlie war keineswegs beruhigt. Seine Befürchtungen und Sorgen waren nicht zerstreut. Andererseits, in dem Zustand, in dem er sich befand, war in seinem Kopf nur Platz für eine Sorge, und die galt der Frage, ob er es rechtzeitig ins Bad schaffen würde oder nicht. „Du brauchst mehr Flüssigkeit“, sagte das Mädchen. „Du musst deine Elektrolyte auffüllen.“ Fat Charlie schaffte es noch rechtzeitig ins Bad. Hinterher stellte er sich, wo er schon einmal dort war, unter die Dusche und blieb dort, bis das Zimmer aufhörte, hin und her zu schwanken, dann putzte er sich die Zähne, ohne sich zu übergeben.
Als er ins Schlafzimmer zurückkehrte, war Fräulein Wodka Orange nicht mehr da, was Fat Charlie mit Erleichterung zur Kenntnis nahm, zumal er bereits die Hoffnung gehegt hatte, sie sei vielleicht nicht mehr als eine vom Restalkohol befeuerte Einbildung gewesen, so wie zum Beispiel rosa Elefanten oder die albtraumhafte Vorstellung, er wäre am Abend zuvor auf eine Bühne gestiegen, um zu singen.
Er konnte seinen Morgenmantel nicht finden, daher schlüpfte er in einen Trainingsanzug, in dem er sich angezogen genug fühlte, um einen Besuch der Küche, am anderen Ende des Flurs, zu wagen.
Sein Handy klingelte, und er wühlte in seiner Jacke, die neben dem Bett auf der Erde lag, bis er es gefunden hatte, und klappte es auf. Er grunzte unbestimmt in die Muschel, so anonym wie möglich, nur für den Fall, dass es jemand von der Grahame-Coats-Agentur war, der sich nach seinem Verbleib erkundigen wollte.
„Ich bin’s“, sagte Spiders Stimme. „Alles ist geregelt.“
„Du hast ihnen gesagt, dass ich tot bin?“
„Besser noch. Ich hab ihnen gesagt, dass ich du bin.“
Textauszug aus
Neil Gaiman: Anansi Boys
© Verlagsgruppe Random House GmbH, München
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© Verlagsgruppe Random House GmbH | Kontakt - Letzte Änderung: 16.08.10
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