© Writhers House
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© der Originalversion: Neil Gaiman
© der deutschen Übersetzung: Heyne Verlag
Oktober hat das Sagen
von Neil Gaiman
Oktober hatte den Vorsitz übernommen, daher war es recht kühl an diesem Abend, die Blätter waren rot und orange und segelten von den Bäumen, die den Hain umgaben. Die Zwölfergesellschaft saß um ein Lagerfeuer, in dem sie an Spießen riesige Würste grillten, deren Fett zischte und knackte, wenn es auf das brennende Apfelbaumholz tropfte; dazu wurde frischer Apfelwein getrunken, der sich herb und würzig im Mund ausbreitete.
April nahm einen etwas gezierten Bissen von ihrer Wurst, die dabei auseinander platzte und heißen Saft über ihr Kinn spritzte. "Soll doch der Kuckuck dieses Mistding holen", sagte sie.
Der untersetzte März, der neben ihr saß, stieß ein kehliges, dreckiges Lachen aus und zog dann ein großes, schmuddeliges Taschentuch hervor. "Hier, nimm", sagte er.
April wischte sich das Kinn ab. "Danke", sagte sie. "Dieser verfluchte Innereienschlauch hat mich verbrannt. Morgen hab ich bestimmt eine Blase."
September gähnte. "Was für ein Hypochonder du wieder bist", sagte er übers Feuer hinweg. "Und deine Ausdrucksweise, also ehrlich." Er hatte einen wie mit dem Bleistift gemalten Schnurrbart, und seine Haare lichteten sich, so daß seine Stirn hoch und weise wirkte.
"Lass sie in Ruhe", sagte Mai. Ihr dunkles Haar war sehr kurz geschnitten, und sie trug feste Schuhe. Sie rauchte einen kleinen, braunen Zigarillo, der intensiv nach Nelke roch. "Sie ist empfindlich."
"Ach, bitte", sagte September. "Verschon mich mit so was."
Oktober, im vollen Bewusstsein seiner Position, nippte am Apfelwein, räusperte sich und sagte: "Okay. Wer möchte anfangen?" Der Sessel, in dem er saß, war aus einem großen Eichenholzklotz geschnitzt, mit Intarsien aus Esche, Zeder und Kirschbaum. Die anderen elf saßen auf Baumstümpfen, die in regelmäßigen Abständen um das kleine Feuer gruppiert lagen. Durch jahrelangen Gebrauch waren glatte und bequeme Sitze daraus geworden.
"Was ist mit den Notizen?" fragte Januar. "Wenn ich den Vorsitz habe, führen wir immer Protokoll."
"Du hast jetzt aber nicht den Vorsitz, nicht wahr, mein Schatz?" sagte September, ein elegantes Geschöpf, das gern den Besorgten spielte.
"Was ist mit den Notizen?" wiederholte Januar. "Man kann sie nicht einfach ignorieren."
"Sollen die kleinen Scheißer doch selber sehen, wo sie bleiben", sagte April, mit einer Hand durch ihr langes blondes Haar streichend. "Und ich finde, September sollte den Anfang machen.
September nickte und spreizte sich. "Mit Vergnügen", sagte er.
"He", sagte Februar. "He-he-he, Moment mal. Ich hab nicht gehört, daß der Vorsitzende das genehmigt hätte. Niemand fängt an, bevor nicht Oktober gesagt hat, wer anfängt, und dann redet nur der und kein anderer. Könnten wir vielleicht mal wenigstens ansatzweise so etwas wie Ordnung halten hier?" Er spähte in die Runde, klein und blass, ganz in Blau und Grau gekleidet.
"Ist schon gut", sagte Oktober. Sein Bart war äußerst farbenprächtig, ein kleines Wäldchen im Herbst, dunkelbraun, glühend orange und weinrot, ein wirres Gestrüpp auf seiner unteren Gesichtshälfte, an das keine Schere herankam. Seine Wangen waren apfelrot. Er sah aus wie ein Freund; wie jemand, den man schon sein ganzes Leben lang kennt. "September kann ruhig anfangen. Hauptsache, wir kommen in Gang."
September steckte sich das letzte Wurstende in den Mund, kaute geziert und leerte seinen Apfelweinbecher. Dann erhob er sich, machte eine Verbeugung in die Runde und begann zu sprechen.
"Laurent DeLisle war der hervorragendste Koch von ganz Seattle, jedenfalls nach dem Dafürhalten von Laurent DeLisle, und die Michelin-Sterne an seiner Tür bestärkten ihn in dieser Ansicht. Er war ein bemerkenswerter Küchenchef, wohl wahr - sein Brioche von Lammgehacktem hatte diverse Preise gewonnen; seine geräucherte Wachtel an weißen Trüffelravioli wurde in Der Gastronom als "das zehnte Weltwunder" beschrieben. Aber es war sein Weinkeller... ah, der Weinkeller..., der die Quelle seines Stolzes und seiner Leidenschaft darstellte.
"Ich verstehe das gut. In mir werden die letzten weißen Trauben geerntet, und der Großteil der roten: ich weiß guten Wein zu schätzen, das Aroma, den Geschmack, auch den Nachgeschmack.
"Laurent DeLisle kaufte seine Weine auf Auktionen, von privaten Weinliebhabern, bei angesehenen Händlern: stets legte er Wert auf den Stammbaum, bei allen Weinen, die er kaufte, denn Weinbetrug ist leider Gottes an der Tagesordnung, wenn eine Flasche für, sagen wir, fünf-, zehn-, hunderttausend Dollar - oder Pfund oder Euros - den Besitzer wechselt.
"Der größte Schatz - das Juwel - die allerseltenste Kostbarkeit und das Nonplusultra seines temperaturgesteuerten Weinkellers war ein Chateau Lafitte von 1902. Auf der Preisliste war er mit 0.000 verzeichnet, obwohl er im Grunde genommen unbezahlbar war, denn es handelte sich um die letzte Flasche dieses Jahrgangs."
"Bitte um Entschuldigung", sagte August höflich. Er war der dickste von ihnen, sein dünnes Haar war in goldenen Strähnen über die rosa Platte gekämmt.
September blickte ungehalten auf seinen Nachbarn hinunter. "Ja?"
"Ist das die Geschichte, wo irgend so ein reicher Typ den Wein zum Essen bestellt, und der Koch ist der Meinung, daß das Gericht, das der reiche Typ bestellt hat, nicht gut genug für den Wein ist, also läßt er ein anderes Gericht servieren, und der Typ nimmt nur einen Bissen und stirbt dann, weil er eine ganz seltene Allergie hat oder so, und daher kommt es, daß der Wein überhaupt nie getrunken wird?"
September sagte nichts. Sein Blick dagegen war vielsagend.
"Weil, wenn es diese Geschichte ist, dann hast du sie schon mal erzählt. Vor Jahren. War damals 'ne blöde Geschichte. Ist heute 'ne blöde Geschichte." August lächelte. Seine rosigen Wangen glänzten im Feuerschein.
September sagte: "Offenbar ist das kulturell Ausdrucksvolle, das Ergreifende, nicht nach jedermanns Geschmack. Manchen Leuten geht nichts über ihre Grillpartys und ihr Bier, während wir anderen es vorziehen..."
Februar sagte: "Also, ich sag's nicht gern, aber er hat nicht ganz unrecht. Es muß eine neue Geschichte sein."
September hob eine Augenbraue und schürzte die Lippen. "Ich bin fertig", sagte er schroff. Er setzte sich wieder auf seinen Stumpf.
Sie blickten einander über das Feuer hinweg an, die Monate des Jahres.
Juni, unsicher und sauber, hob die Hand und sagte: "Ich habe eine über eine Sicherheitsbeamtin bei der Gepäckdurchleuchtung am Flughafen LaGuardia, die aus den Umrissen des Gepäcks auf dem Bildschirm alles über dessen Besitzer herauslesen konnte, und eines Tages sieht sie also ein so wunderschönes Gepäckröntgenbild, daß sie sich sofort verliebt, aber als sie herausfinden will, zu welcher Person der Koffer gehört, gelingt es ihr nicht, und so verzehrt sie sich viele Monate lang. Aber als die Person wieder durch die Kontrolle kommt, passt sie auf, und es stellt sich heraus, daß es ein Mann ist, ein runzliger alter Indianer, während sie hübsch ist und schwarz und fünfundzwanzig oder so, und sie weiß, daß es mit ihnen nichts werden kann, und deshalb lässt sie ihn gehen, und auch, weil sie an der Form seiner Taschen auf dem Bildschirm erkennen kann, daß er bald sterben wird."
Oktober sagte: "Na gut, junge Juni. Erzähl uns die Geschichte."
Juni starrte ihn an wie ein verängstigtes Tier. "Hab ich doch gerade", sagte sie.
Oktober nickte. "Ah ja", sagte er, bevor irgendjemand sonst etwas sagen konnte. Und dann sagte er: "Machen wir also mit meiner Geschichte weiter?"
Februar schniefte. "Falsche Reihenfolge, Großer. Wer den Vorsitz hat, kommt mit seiner Geschichte erst dran, wenn wir anderen alle durch sind. Man geht nicht einfach gleich zum Hauptgeschehen über."
Mai war dabei, ein Dutzend Kastanien auf den Rost über dem Kamin zu legen und sie mit Hilfe ihrer Zange in Mustern anzuordnen. "Lass ihn doch seine Geschichte erzählen, wenn er es möchte", sagte sie. "Schlimmer als die mit dem Wein kann sie ja weiß Gott nicht sein. Und ich hab auch noch was anderes zu tun. Blumen blühen nicht von alleine. Wer ist dafür?"
"Du willst das formell zur Abstimmung bringen?" sagte Februar. "Ich glaub es nicht. Es ist doch wirklich nicht zu fassen." Er wischte sich die Stirn mit einer Handvoll von Tüchern ab, die er aus seinem Ärmel zog.
Sieben Hände waren erhoben. Vier Leute ließen ihre Hand unten - Februar, September, Januar und Juli. ("Mir geht es hier nicht um persönliche Dinge", sagte Juli entschuldigend. "Sondern allein um das Verfahren. Wir sollten keine Präzedenzfälle schaffen.")
"Das wäre also geklärt", sagte Oktober. "Möchte noch irgendjemand irgendwas sagen, bevor ich anfange?"
"Hm. Ja. Manchmal", sagte Juni. "Manchmal denke ich, daß uns jemand vom Wald aus beobachtet, und dann guck ich hin und es ist niemand da. Aber ich glaube trotzdem, daß es so ist."
April sagte: "Das kommt, weil du verrückt bist."
"Mmh", sagte September, an alle gerichtet. "Unsere April, wie sie leibt und lebt. So empfindlich, aber selber ist sie die grausamste von allen."
"Das reicht", sagte Oktober. Er streckte sich in seinem Sessel. Er knackte eine Haselnuss mit den Zähnen auf, pulte den Kern heraus und warf die Schalenstücke ins Feuer, wo sie zischten und aufplatzten, und dann begann er zu erzählen.
Es war einmal ein Junge, sagte Oktober, der sich zu Hause überhaupt nicht wohl fühlte, obwohl er nicht geschlagen wurde. Er passte einfach nicht hinein, nicht in seine Familie, nicht in seinen Wohnort, und nicht einmal in sein Leben. Er hatte zwei Brüder, Zwillinge, die älter waren als er und überall beliebt, die ihn aber verletzend oder gleichgültig behandelten. Sie spielten Fußball: manchmal schoß der eine Zwilling mehr Tore und war der Held des Tages, manchmal der andere. Ihr kleiner Bruder spielte nicht Fußball. Sie hatten sich einen Namen für ihren Bruder ausgedacht. Sie nannten ihn den Kümmerer.
Sie hatten ihn Kümmerer genannt, seit er ein Baby war, und zuerst waren sie von ihrer Mutter und ihrem Vater dafür gescholten worden.
Die Zwillinge sagten: "Aber er ist doch wirklich der Kümmerer des Wurfes. Guckt ihn euch an. Und dann guckt uns an." Die Jungen waren sechs, als sie das sagten. Die Eltern fanden es putzig. So ein Name setzt sich leicht fest, und bald waren die einzigen, die ihn noch Donald nannten, seine Großmutter, wenn sie an seinem Geburtstag anrief, und Leute, die ihn nicht kannten.
Nun ja, und weil Namen vielleicht ihre Wirkung tun, war er tatsächlich ein Kümmerling: dünn und klein und ängstlich. Er war mit laufender Nase geboren worden, und noch nach einem Jahrzehnt hatte sie nicht aufgehört zu laufen. Bei den Mahlzeiten klauten die Zwillinge ihm das Essen vom Teller, wenn sie es mochten; was ihnen aber nicht schmeckte, bugsierten sie von ihrem Teller auf seinen, und er wurde dann ausgeschimpft, weil er das gute Essen nicht aufgegessen hatte.
Ihr Vater ließ sich kein Fußballspiel entgehen, und hinterher kaufte er dem Zwilling, der die meisten Tore geschossen hatte, ein Eis, und der andere bekam dann zum Trost auch eins. Ihre Mutter bezeichnete sich als Journalistin, obwohl sie bei der Zeitung, wo sie angestellt war, hauptsächlich Anzeigen und Abonnements verkaufte: sie hatte wieder angefangen, Vollzeit zu arbeiten, sobald die Zwillinge in der Lage waren, für sich selbst zu sorgen.
Die Mitschüler des Jungen bewunderten die Zwillinge. In der ersten Klasse hatten sie ihn einige Wochen lang Donald gerufen, bis es sich herumsprach, daß seine Brüder ihn den Kümmerer nannten. Seine Lehrer redeten ihn kaum jemals mit Namen an, doch wenn sie unter sich waren, konnte man manchmal ein gewisses Bedauern darüber hören, daß der jüngste Covay-Junge so gar nichts vom Schneid, von der Fantasie und der Lebendigkeit seiner Brüder habe.
Der Kümmerer hätte einem nicht sagen können, wann er zuerst daran gedacht hatte wegzulaufen oder wann seine Tagträume die Schwelle überschritten und zu Plänen geworden waren. Als er soweit war, sich selbst einzugestehen, daß er hier nicht bleiben würde, hatte er bereits unter einer Plastikplane hinter der Garage einen großen Tupperwarebehälter versteckt, der drei Mars-Riegel, zwei Milky Ways, eine Tüte Nüsse, eine kleine Tüte Süßholz, eine Taschenlampe, diverse Comics, eine ungeöffnete Packung Beef Jerky und siebendreißig Dollar, überwiegend in Vierteldollarmünzen, enthielt. Zwar schmeckten ihm die Beef Jerkys nicht besonders, aber er hatte gelesen, dass Entdeckungsreisende sich wochenlang mit nichts anderem über die Runden gebracht hatten; und es war genau dieser Moment, als er die Beef Jerky-Packung in die Tupperwareschachtel legte und den Deckel mit einem "Plopp" zudrückte, in dem ihm klar wurde, daß er würde fortgehen müssen.
Er hatte Bücher gelesen, Zeitungen und Zeitschriften. Er wußte, daß man, wenn man von zu Hause weglief, bösen Leuten begegnen konnte, die böse Sachen mit einem machten; aber er hatte auch Märchen gelesen, daher wußte er, daß es dort draußen auch nette Leute gab, Seite an Seite mit den Monstern.
Der Kümmerer war ein schmächtiger Zehnjähriger, klein, mit ständig laufender Nase und ausdruckslosem Blick. Wenn man hätte versuchen wollen, ihn in einer Gruppe von Jungen zu identifizieren, hätte man sicherlich daneben getippt. Er war unter Garantie einer von den anderen Jungen. Der am Rand. Den man übersehen hatte.
Den ganzen September über schob er das Weglaufen auf. Es brauchte schon einen wirklich üblen Freitag, an dem beide Brüder sich auf ihn draufsetzten (und der, der auf seinen Gesicht saß, ließ einen fahren und wollte sich halb totlachen darüber), damit er zu der Überzeugung gelangte, dass alle Monster, die draußen in der Welt auf ihn warten mochten, zu ertragen, wenn nicht gar vorzuziehen seien.
Am Sonnabend sollten seine Brüder auf ihn aufpassen, doch schon bald verschwanden sie, um sich in der Stadt mit einem Mädchen zu treffen, das ihnen gefiel. Der Kümmerer ging hinter die Garage und holte den Tupperwarebehälter unter der Plastikplane hervor. Er trug ihn hinauf in sein Zimmer. Er schüttete den Inhalt seines Schulranzens auf sein Bett, bepackte ihn stattdessen mit seinen Süßigkeiten, Comics, Vierteldollarstücken und dem Beef Jerky. Er füllte eine leere Brauseflasche mit Wasser.
Der Kümmerer ging in die Stadt und bestieg den Bus. Er fuhr in westliche Richtung, für zehn Dollar in Quartermünzen nach Westen, bis zu einem Ort, den er nicht kannte, den er aber für einen guten Ausgangspunkt hielt; hier stieg er aus und lief zu Fuß weiter. Es gab jetzt keinen Bürgersteig mehr, wenn also Autos vorbeikamen, brachte er sich seitwärts im Straßengraben in Sicherheit.
Die Sonne stand hoch am Himmel. Er hatte Hunger, also kramte er in seiner Tasche und zog einen Mars-Riegel hervor. Als er diesen aufgegessen hatte, stellte er fest, daß er durstig war, und trank fast die halbe Wasserflasche leer, bevor ihm klar wurde, dass er sich das Wasser würde einteilen müssen. Er hatte gedacht, er würde, wenn er erst einmal aus der Stadt heraus war, überall auf Quellen mit frischem Wasser stoßen, aber vorerst war noch keine einzige zu sehen. Allerdings gab es da einen Fluß, der unter einer breiten Brücke hindurchfloss.
Der Kümmerer blieb in der Mitte der Brücke stehen, um hinab ins braune Wasser zu starren. Er erinnerte sich an etwas, das man ihm in der Schule erzählt hatte: dass alle Flüsse letzten Endes ins Meer fließen. Er war noch nie an der Küste gewesen. Er kletterte die Böschung hinunter und folgte dem Fluss. Es gab einen schlammigen Pfad entlang des Flussufers, und hin und wieder zeigten ihm Bierdosen oder Plastikverpackungen, dass hier schon mal jemand gegangen war, wenn er auch im Moment niemanden sehen konnte.
Er trank sein Wasser aus.
Er fragte sich, ob er schon vermisst würde. Er stellte sich Polizeiautos vor, Hubschrauber und Hunde, alle auf der Suche nach ihm. Er wollte ihnen ausweichen. Er wollte sich zum Meer durchschlagen.
Der Fluss strömte über einige Felsen, sodass es schäumte. Er sah einen blauen Reiher, die Flügel weit ausgebreitet, an sich vorbeigleiten, und er sah vereinzelte späte Libellen und manchmal auch kleine Schwärme von Stechmücken, die sich am Nachsommer erfreuten. Der blaue Himmel wurde grau und dämmrig, eine Fledermaus schwang sich hinab, um Insekten aus der Luft zu schnappen. Der Kümmerer fragte sich, wo er die Nacht verbringen würde.
Bald teilte sich der Pfad, und er entschied sich für den Weg, der sich vom Fluss entfernte, in der Hoffnung, daß er zu einem Haus führen würde, oder zu einer Farm mit einer leeren Scheune. Er ging eine Weile, während die Dämmerung fortschritt, bis er am Ende des Pfades auf ein Farmhaus stieß, halb verfallen und wenig einladend. Der Kümmerer ging um das Haus herum, wobei ihm immer deutlicher wurde, daß er auf keinen Fall da hineingehen würde, und dann kletterte er über einen kaputten Zaun auf eine aufgegebene Weide, wo er sich im hohen Gras zum Schlafen ausstreckte, die Schultasche als Kopfkissen nutzend.
Er lag auf dem Rücken, vollständig angekleidet, und starrte zum Himmel hinauf. Er war kein bisschen schläfrig.
"Inzwischen werden sie mich vermissen", sagte er sich. "Bestimmt machen sie sich Sorgen."
Er stellte sich vor, wie er in ein paar Jahren nach Hause kommen würde. Die Freude auf den Gesichtern seiner Familie, während er sich dem Haus näherte. Der herzliche Empfang. Die Liebesbekundungen...
Er erwachte einige Stunden später, der Mond schien ihm hell ins Gesicht. Er konnte die ganze Welt sehen - so hell wie am Tage, wie im Kinderlied, aber blass und ganz ohne Farben. Es war Vollmond, beinahe jedenfalls, und ihm war, als erkenne er in den Schatten und Umrissen der Mondoberfläche ein Gesicht, das, nicht unfreundlich, zu ihm hinunterblickte.
Eine Stimme sagte: "Wo kommst du her?"
Er setzte sich auf, nicht erschrocken, noch nicht, und sah sich um. Bäume. Hohes Gras. "Wo bist du? Ich kann dich nicht sehen."
Etwas, das er für einen Schatten gehalten hatte, bewegte sich, neben einem Baum am Rand der Weide, und jetzt sah er einen Jungen in seinem Alter.
"Ich bin von zu Hause weggelaufen", sagte der Kümmerer.
"Wow", sagte der Junge. "Dazu braucht man bestimmt ganz schön viel Mut."
Der Kümmerer grinste stolz. Er wußte nicht, was er sagen sollte.
"Wollen wir ein bisschen rumlaufen?" sagte der Junge.
"Klar", sagte der Kümmerer. Er nahm seine Schultasche und legte sie neben den Zaunpfosten, damit er sie jederzeit wiederfinden konnte.
Sie gingen, einen weiten Bogen um das alte Farmhaus schlagend, den Hang hinunter.
"Leben da noch Leute drin?" fragte der Kümmerer.
"Eigentlich nicht", sagte der andere Junge. Er hatte blondes, feines Haar, das im Mondschein fast weiß war. "Vor langer Zeit haben es mal einige versucht, aber es gefiel ihnen nicht, da sind sie wieder weggezogen. Danach sind dann andere gekommen. Aber jetzt lebt da niemand mehr. Wie heißt du?"
"Donald", sagte der Kümmerer. Und dann: "Aber ich werde der Kümmerer genannt. Und wie heißt du?"
Der Junge zögerte. "Teure", sagte er.
"Das ist ja ein cooler Name."
Teure sagte: "Ich hatte früher einen anderen Namen, aber den kann ich nicht mehr lesen."
Sie schlüpften durch ein riesiges Eisentor, in das der Rost eine kleine Öffnung gefressen hatte, und gelangten auf eine kleine Weide am Fuß des Abhangs.
"Hier ist es echt cool", sagte der Kümmerer.
Dutzende von Steinen in allen Größen befanden sich auf der kleinen Weide. Große Steine, die beide Jungen überragten, und kleine, die genau die richtige Größe zum Sitzen hatten. Einige Steine waren auseinander gebrochen. Der Kümmerer wusste, was für ein Ort dies war, aber er hatte keine Angst. Es war ein geliebter Ort.
"Wer ist hier begraben?" fragte er.
"Ganz anständige Leute meistenteils", sagte Teure. "Früher war da drüben mal eine Stadt. Hinter den Bäumen dort. Dann kam die Eisenbahn, es wurde eine Haltestelle in der nächsten Stadt weiter drüben gebaut, und unsere Stadt ist irgendwie ausgetrocknet, zusammengefallen und weggeweht. Jetzt sind da Büsche und Bäume, wo früher die Stadt war. Man kann sich in den Bäumen verstecken oder in die alten Häuser gehen und rausspringen."
Der Kümmerer sagte: "Sind das solche wie das Farmhaus dahinten? Die Häuser?" Falls ja, wollte er da lieber nicht reingehen.
"Nein", sagte Teure. "Da geht niemand rein, außer mir. Und manchmal irgendwelche Tiere. Ich bin das einzige Kind hier."
"Hab ich mir schon gedacht", sagte der Kümmerer.
"Vielleicht könnten wir runtergehen und drinnen spielen", sagte Teure.
"Das wäre ziemlich cool", sagte der Kümmerer.
Es war eine perfekte Frühoktobernacht: fast so warm wie im Sommer, und der Erntemond beherrschte den Himmel. Man konnte alles sehen.
"Welcher von denen ist deiner?" fragte der Kümmerer.
Teure richtete sich stolz auf und nahm den Kümmerer bei der Hand. Er zog ihn zu einer überwucherten Ecke des Feldes. Die beiden Jungen bogen das hohe Gras beiseite. Der Stein steckte flach in der Erde, und die eingemeißelten Daten stammten von vor hundert Jahren. Das meiste war verwittert, aber unter den Jahreszahlen konnte man noch Worte ausmachen:
TEURE VERSTORBEN
WIR WERDEN IHN NIE VERG
"Nie vergessen, schätz ich mal", sagte Teure.
"Ja, das würde ich auch sagen", sagte der Kümmerer.
Sie gingen durch das Tor hinaus und eine Furche hinunter bis zu dem, was von der alten Stadt übrig war. Bäume wuchsen durch Häuser und manche Gebäude waren einfach in sich zusammengesunken, aber es war nicht unheimlich. Sie spielten Verstecken. Sie forschten, kundschafteten aus. Teure zeigte dem Kümmerer ein paar ziemlich coole Plätze, darunter eine Einzimmerkate, die nach seinen Worten das älteste Gebäude im ganzen Bezirk war. Sie war sogar in einem recht guten Zustand, wenn man ihr Alter bedachte.
"Ich kann ziemlich gut sehen im Mondschein", sagte der Kümmerer. "Sogar drinnen. Ich wusste nicht, dass es so leicht ist."
"Ja", sagte Teure. "Und nach einiger Zeit kann man sogar gut sehen, wenn der Mond nicht scheint."
Der Kümmerer war neidisch.
"Ich muss mal", sagte der Kümmerer. "Kann man hier irgendwo gehen?"
Teure dachte einen Augenblick nach. "Ich weiß nicht", gestand er. "Solche Sachen mach ich nicht mehr. Ein paar Außentoiletten stehen wohl noch, aber die sind vielleicht nicht sicher. Am besten machst du's einfach im Wald."
"Wie ein Bär", sagte der Kümmerer.
Er ging nach hinten hinaus in den Wald, der sich an die Wand der Kate drängte, und hockte sich hinter einen Baum. Er hatte es vorher noch nie gemacht, so im Freien. Er fühlte sich wie ein wildes Tier. Als er fertig war, wischte er sich mit abgefallenem Laub ab. Dann ging er zurück zur Vorderseite. Teure saß in Mondlicht und wartete auf ihn.
"Wie bist du gestorben?" fragte der Kümmerer.
"Ich bin krank geworden", sagte Teure. "Mein Magen hat einen fürchterlichen Radau gemacht. Dann bin ich gestorben."
"Wenn ich hier bei dir bleiben würde", sagte der Kümmerer. "Müßte ich dann auch tot sein?"
"Vielleicht", sagte Teure. "Na ja, doch. Glaube schon."
"Wie ist das so? Das Totsein?"
"Mir macht es nichts aus", gestand Teure. "Das Schlimmste ist, wenn man niemanden zum Spielen hat."
"Aber da müssen doch jede Menge Leute dort auf der Weide sein", sagte der Kümmerer. "Spielen die denn nie mit dir?"
"Nee", sagte Teure. "Meistens schlafen die. Und selbst wenn sie aufstehen, haben sie keine Lust, mal loszuziehen, sich was anzugucken und was zu machen. Die geben sich nicht mit mir ab. Siehst du den Baum da?"
Es war eine Buche, deren glatte graue Borke vom Alter aufgerissen war. Sie stand dort, wo früher, vor neunzig Jahren, der Dorfplatz gewesen sein musste.
"Ja", sagte der Kümmerer.
"Möchtest du raufklettern?"
"Der sieht ziemlich hoch aus."
"Der ist hoch. Echt hoch. Aber man kommt leicht rauf. Ich zeig's dir."
Der Baum war leicht zu erklettern. Man konnte sich an der Borke festhalten, und die Jungen stiegen wie Affen die hohe Buche hinauf, oder wie Piraten oder Krieger. Von der Spitze des Baums konnte man die ganze Welt sehen. Der Himmel im Osten begann sich aufzuhellen, ein ganz klein bisschen nur.
Alles wartete. Die Nacht ging zu Ende. Die Welt hielt den Atem an, machte sich bereit, von neuem zu beginnen.
"Das war der schönste Tag, den ich je hatte", sagte der Kümmerer.
"Für mich auch", sagte Teure. "Was willst du jetzt machen?"
"Ich weiß nicht", sagte der Kümmerer.
Er stellte sich vor, durch die ganze Welt zu gehen, ganz bis ans Meer. Er stellte sich vor, wie er wachsen und älter werden, wie er sich aus eigener Kraft hocharbeiten würde. Irgendwann dann würde er unglaublich reich werden. Und dann würde er zu dem Haus mit den Zwillingen zurückkehren, würde in seinem wunderbaren Auto vorfahren, oder vielleicht würde er plötzlich bei irgendeinem Fußballspiel auftauchen (in seiner Vorstellung waren die Zwillinge weder älter geworden noch gewachsen) und aus seiner erwachsenen Höhe zu ihnen hinuntersehen, ganz freundlich. Er würde sie alle, die Zwillinge, seine Eltern, ins beste Restaurant der Stadt einladen, und dort würden sie ihm sagen, wie sehr sie ihn verkannt und wie schlecht sie ihn behandelt hätten. Sie weinten und baten um Verzeihung, und die ganze Zeit sagte er kein Wort. Er ließ alle Entschuldigungen an sich abperlen. Dann würde er ihnen allen ein Geschenk überreichen und anschließend wieder aus ihrem Leben verschwinden, aber diesmal endgültig.
Es war ein schöner Traum.
In der Wirklichkeit, das wusste er, würde er weiterwandern und morgen, vielleicht auch übermorgen, gefunden werden, er würde nach Hause kommen und angeschrien werden, und alles wäre wieder so wie immer; Tag für Tag, Stunde um Stunde, bis ans Ende aller Tage, wäre er wieder der Kümmerer, nur dass sie jetzt auf noch sauer auf ihn wären, weil er es gewagt hatte wegzulaufen.
"Ich muss bald ins Bett", sagte Teure. Er begann die große Buche hinabzuklettern.
Das Hinabsteigen war schwieriger, stellte der Kümmerer fest. Man konnte nicht sehen, wo man die Füße hinsetzte, und musste nach einem geeigneten Halt tasten. Mehrmals glitt er ab und kam ins Rutschen, doch Teure kletterte voran und gab immer wieder Hinweise wie "Achtung, ein bisschen nach rechts", sodass sie schließlich beide wohlbehalten nach unten gelangten.
Der Himmel hellte weiter auf, der Mond verblasste und man konnte nicht mehr so gut sehen. Sie kraxelten durch die Furche zurück. Manchmal war der Kümmerer sich nicht sicher, ob Teure überhaupt da war, aber als er oben ankam, sah er, dass der Junge auf ihn wartete.
Sie redeten nicht viel, während sie zu der Weide mit den Steinen gingen. Der Kümmerer legte Teure seinen Arm um die Schultern, und so wanderten sie im Gleichschritt den Hügel hinauf.
"Tja", sagte Teure. "Danke für den Besuch."
"Es hat mir Spaß gemacht", sagte der Kümmerer.
"Ja", sagte Teure. "Mir auch."
Unten im Wald begann ein Vogel zu singen.
"Falls ich hierbleiben wollte -?" sagte der Kümmerer. Es brach plötzlich aus ihm heraus, aber dann hielt er inne. Vielleicht kann ich es nie wieder rückgängig machen, dachte er. Er würde dann nie ans Meer kommen. Das würden sie nicht zulassen.
Teure sagte lange Zeit gar nichts. Die Welt war grau. Weitere Vögel schlossen sich dem ersten an.
"Ich kann es nicht tun", sagte Teure schließlich. "Aber sie vielleicht."
"Wer?"
"Die da drinnen." Der blonde Junge deutete den Hang hinauf zu dem verfallenen Farmhaus mit den zerbrochenen Fensterscheiben, dessen Silhouette sich gegen die Morgendämmerung abhob. Das graue Licht hatte es nicht verändert.
Den Kümmerer schauderte es. "Da sind Leute drin?" sagte er. "Ich dachte, du hättest gesagt, es ist leer."
"Es ist nicht leer", sagte Teure. "Ich hab gesagt, es lebt da niemand drin. Das ist was anderes." Er sah zum Himmel hinauf. "Ich muss jetzt gehen", fügte er hinzu. Er drückte dem Kümmerer die Hand. Und dann war er plötzlich einfach nicht mehr da.
Der Kümmerer stand ganz allein auf dem kleinen Friedhof und lauschte dem in der Morgenluft schwebenden Vogelgesang. Dann machte er sich auf, den Hügel zu erklimmen. Allein war es schwerer.
Er sammelte seine Schultasche beim Zaunpfosten auf. Er aß sein letztes Milky Way, während er das verfallene Gebäude anstarrte. Die leeren Fenster des Farmhauses waren wie Augen, die ihn beobachteten.
Es war dunkler dort drinnen. Dunkler als alles andere.
Er bahnte sich einen Weg durch den von Unkraut überwucherten Hof. Die Haustür war weitgehend weggebröckelt. Er blieb vor dem Eingang stehen, zögerte, fragte sich, ob er das Richtige tat. Er roch Feuchtigkeit und Fäulnis, und noch etwas, das darunter mitschwang. Ihm war, als hörte er etwas sich rühren im Haus, tief drinnen, im Keller vielleicht oder auf dem Dachboden. Ein Schlurfen möglicherweise. Oder ein Hopsen. Es war schwer zu sagen.
Schließlich ging er hinein.
Niemand sprach. Oktober goss sich Apfelwein in seinen Holzbecher, trank ihn aus und füllte nach.
"Es war eine Geschichte", sagte Dezember. "Soviel kann man jedenfalls festhalten." Er rieb sich die blassblauen Augen mit der Faust. Das Feuer war fast niedergebrannt.
"Was geschah als nächstes?" fragte Juni unruhig. "Nachdem er ins Haus gegangen ist?"
Mai, die neben ihr saß, legte ihre Hand auf Junis Arm. "Lieber nicht drüber nachdenken", sagte sie.
"Möchte sonst noch jemand?" fragte August. Alles schwieg. "Dann wären wir wohl fertig für heute."
"Darüber muss abgestimmt werden", gab Februar zu bedenken.
"Wer ist dafür?" fragte Oktober. Ein Chor von Jastimmen antwortete ihm. "Wer ist dagegen?" Schweigen. "Damit erkläre ich diese Versammlung für beendet."
Sie erhoben sich von ihrem Lagerfeuer, streckten sich, gähnten und gingen dann ab in den Wald, allein, zu zweit oder zu dritt, bis nur noch Oktober und sein Nachbar zurückgeblieben waren.
"Nächstes Mal bist du mit dem Vorsitz dran", sagte Oktober.
"Ich weiß", sagte November. Er war blass und dünnlippig. Er half Oktober aus dem Holzsessel. "Ich mag deine Geschichten. Meine sind immer zu düster."
"Das finde ich nicht", sagte Oktober. "Nur deine Nächte sind halt länger. Und du bist nicht so warm."
"Wenn du es so ausdrückst", sagte November, "fühle ich mich gleich besser. Man ist nun einmal so, wie man ist, schätze ich."
"Das ist die richtige Einstellung", sagte sein Bruder. Und ihre Hände berührten sich, während sie sich von der orangenen Glut des Feuers entfernten und ihre Geschichten zurück in die Dunkelheit mitnahmen.
Für Ray Bradbury
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